Verstehen, entscheiden, handeln

Pädagogische Grundhaltung, Hintergrundverständnis und Selbstschutz in der Arbeit mit UMA

Kinder und Jugendliche, die aus ihrer Heimat unbegleitet nach Deutschland kommen, gehören zu einer schutzbedürftigen Zielgruppe. Es sind junge Menschen, die nicht selten Schreckliches erlebt haben und möglicherweise physisch und psychisch stark belastet oder hochtraumatisiert  sind. Der Auftrag von Jugendhilfe sollte es sein, den jungen Menschen einen ersten „sicheren Ort“ zu bieten. Dazu gehört, dass ein gut fortgebildetes und sensibilisiertes Team, die Jugendlichen entsprechend ihrer Bedürfnisse aufnimmt und auffängt. Struktur, Ordnungsrahmen, Wertschätzung und Stressreduktion sind dabei wichtige Faktoren um die subjektive Sicherheit zu fördern.

Doch als Folge ihrer oft chronifizierten und komplexen Traumatisierungen zeigen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oft gravierende, aber auch sehr heterogene Probleme und Verhaltensauffälligkeiten, die von psychosomatischen Beschwerden, Ängsten, Schulproblemen, (auto-)aggressivem Verhalten bis zu dissozialem Verhalten reichen und sich insbesondere in der Beziehungsgestaltung niederschlagen. Misstrauen, Angst, Kontrollverlust und Beziehungsabbrüche erschweren die Etablierung auch hilfreicher professioneller Beziehungen und lösen in den Fachkräften oft Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht aus. (Im Sinne eines betrieblichen Gesundheitsmanagement ist wichtig zu betonen, dass Ohnmachtsgefühle sowie Gefühle von Hilflosigkeit zu Frustration, Resignation und psychosomatischen Erkrankungen bei Mitarbeitenden führen können.)

Hinzu kommen die sprachlichen Probleme, die die Verständigung erschweren und die kulturellen Besonderheiten, die das gegenseitige Verständnis erschweren. Wie kann es den pädagogischen Fachkräften in diesem Kontext gelingen Regeln und Grenzen einzufordern, auf die Belastungssituationen der jungen Flüchtlinge Rücksicht zu nehmen und gleichzeitig auch Tagesstrukturen zu vermitteln und übergriffiges Verhalten zu unterbinden? Die Probleme sind groß und die Handlungssicherheiten sind klein.
Dazu kommt die Kultur der Geschlechterrolle: Die Jungen und jungen Erwachsenen, die unbegleitet aus so unterschiedlichen Ländern wie Somalia, Irak, Syrien oder Afghanistan kommen, kommen nicht als geschlechtsneutrale Menschen, sondern mit ihren je eigenen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Sie haben meist einen gefahrvollen Weg hinter sich, waren Übergriffen und Gewalt ausgesetzt und haben sich oft schutzlos ausgeliefert gefühlt. Vor dem Hintergrund ihrer Traumatisierungen, manche Untersuchungen sprechen von 70% Traumatisierten, wollen diese Jungen verstanden sein, Perspektiven entwickeln und an diesem sehr vulnerablen Punkt ihrer Entwicklung unterstützt werden. Ihnen fehlt jedoch häufig die Ressource nach Unterstützung fragen zu können. Andere wiederum haben den klaren Auftrag aus ihrer Herkunftsfamilie heraus, hier in Europa Schul- und Berufsausbildung zu absolvieren und Geld für die Familie zu verdienen. Die Trennung von Familie und Heimat bedingt häufig eine Vielzahl von Problemen, wie z.B. Beziehungs- und Bindungsprobleme, Depressionen, Angst- und Essstörungen, Schlafprobleme und Suizidgefährdung.

Dieses Seminar soll Sicherheit im eigenen Handlungsspektrum entwickeln helfen, ohne dabei zur Selbstüberschätzung zu verleiten. Wir ermutigen die Fachkräfte dazu, im frühen Stadium der Symptomatik von Grenz- und Regelüberschreitungen auf einen institutionellen Ordnungsrahmen und Verstärkersysteme zurück zu greifen. Eine persönliche Präsenz, die mit Beharrlichkeit und einer wertschätzenden, direkten Ansprache einhergeht, verdeutlicht den grenzüberschreitenden Jugendlichen, die klare pädagogische Linie. Unterstützungssysteme innerhalb der Einrichtung und „Schulterschluss“ im Team sind wichtige Voraussetzungen für eine institutionalisierte Prävention. Es werden erste Einblicke in Selbstschutztechniken vermittelt, die bewusst und gezielt eingesetzt werden können. Die TeilnehmerInnen sind zur aktiven Teilnahme eingeladen und aufgefordert. Durch erlebnisorientierte Übungen wird die Sensibilität für Eskalationen gesteigert und die Wahrnehmung geschult. Andererseits wird das eigene Potential und Verhalten reflektiert und durch die KollegInnen und die Trainingsleitung zurückgemeldet.

Die Trainings- und Lernsituation baut auf gegenseitigem Respekt, bei gleichzeitiger Bereitschaft zu selbstreflexivem Handeln auf.

Inhalte:
Basisseminar:
Kurzeinführung in die Konfrontationspädagogik
Kurzeinführung Traumapädagogik
Vorurteilswerkstatt
Bedeutung von Geschlecht und Sexualität
Regelvereinbarungen und Konsequenzen
Körpersprache und Ressourcenaktivierung
Wahrnehmungssensibilisierung
Präsenzübungen
Umgang mit Aggression, Wut und Grenzüberschreitung
Defensive Selbstverteidigungstechniken
Konfrontations-, Konzentrations- und Intuitionsübungen

Methoden: Einzel- und Gruppenarbeiten, Warm-up-Spiele, Improvisationsübungen, Interaktionsübungen, Rollenspiele, Theorie-Input, Reflexion, Visualisierungen, Fallbeispiele

Alternativtermine:
Termin: 22. / 23. Januar 2019
Zielgruppe: Mitarbeitende der Teams 132 / 177 der Ev. Jugendhilfe Godesheim
Zeit: 9.30 – 16:30 Uhr
Tagungsort: AZK Königswinter, Johannes Albers Allee 3, Königswinter
Teilnehmerzahl: mind. 8 und max. 16 TN

Termin: 29. / 30. Oktober 2019
Zielgruppe: Mitarbeitende der Ev. Jugendhilfe Godesheim
Zeit: 9.30 – 16:30 Uhr
Tagungsort: AZK Königswinter, Johannes Albers Allee 3, Königswinter
Teilnehmerzahl: mind. 9 und max. 16 TN, wobei jeweils 3 Mitarbeitende desselben Teams angemeldet sein müssen.

Trainer: Erwin Germscheid, Jahrgang 1967,
freiberuflicher Supervisor (DGSv), Dipl.Sozialpädagoge, Konfrontationspädagoge, Erlebnispädagoge, Leiter der Fachstelle für Jungenarbeit RLP, Teamleiter Modellprojekt gegen religiöse Radikalisierung in RLP, freier Fachberater für Jugendarbeit des LJA RLP (Mainz), Gendertrainer, Lehrbeauftragter der Universität Koblenz-Landau, der HS Koblenz und der HS FFM,
Ausbildungsleitung IHI-Rodenbach zur Qualifizierung zum/zur „Konfrontationspädagogen/-in“ und „Bleib-Cool-Trainer“
Ausbildung bei Frank Farrelly (Begründer der „Provokativen Therapie“), Zertifizierte Weiterbildung D.I.P. München (Provokativer Stil®), EMDR (Traumatherapie)-Coach (PAPBAkademie); Diplom-Mentaltrainer (DGMT), Ausbildung in gestalttherapeutischer Gruppenarbeit (emo-logos, Berlin)

Haben Sie Fragen, besondere Wünsche, Vorschläge, Empfehlungen?

Antje Martens
0228 38 27-191